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Die­ser Zeit­strahl zu Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen der letz­ten 800 Jahre zeigt eine Aus­wahl von Geschich­ten, die Men­schen über Jahr­hun­derte bewegt, ver­un­si­chert und fas­zi­niert haben. Eine geschicht­li­che Ein­ord­nung an wesent­li­chen Stel­len macht sicht­bar, wie eng diese Erzäh­lun­gen mit gesell­schaft­li­chen Umbrü­chen ver­bun­den sind. Gleich­zei­tig wer­den his­to­ri­sche Bezüge zu aktu­el­len Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen her­ge­stellt und es wird deut­lich, dass alte Denk­mus­ter auch heute noch erstaun­lich leben­dig sind.
Wei­tere Infor­ma­tio­nen fin­den sich im lite­ra­tur­ba­sier­ten Text „Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien in Geschichte und Gegen­wart“, der hier zum Down­load bereit­steht.

Ritu­al­mord­le­gende
Vier Männer in Kapuzenroben umringen einen niedrigen, steinernen Altar, auf dem ein kleines Kind von zahlreichen brennenden Kerzen umgeben sitzt.

Die Ritu­al­mord­le­gende ent­stand im 12. Jahr­hun­dert in Europa und behaup­tet, dass Juden christ­li­che Kin­der ent­füh­ren und töten wür­den, um ihr Blut für reli­giöse Rituale zu ver­wen­den. Diese Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung fand beson­ders in Eng­land und spä­ter in ande­ren Tei­len Euro­pas Ver­brei­tung und führte zu Pogro­men und Ver­fol­gun­gen. Auch heute ver­brei­tet sich die Ritu­al­mord­le­gende in abge­wan­del­ten und ‚moder­ni­sier­ten‘ Erzäh­lun­gen wie Piz­zagate und dämo­ni­siert damit Jüdinnen:Juden. Gerade in Kri­sen­zei­ten wer­den Sie als Ver­ant­wort­li­che für Unfälle oder soziale Miss­stände dar­ge­stellt.

1200
Zeit­li­che Ein­ord­nung

Im Mit­tel­al­ter, das etwa vom 5. bis zum 15. Jahr­hun­dert dau­erte, war die Gesell­schaft stark von reli­giö­sen und feu­da­len Struk­tu­ren geprägt, wobei die Kir­che eine zen­trale Rolle im täg­li­chen Leben und der poli­ti­schen Ord­nung spielte. In die­ser Zeit ent­stan­den viele Erzäh­lun­gen, die geheime Machen­schaf­ten oder ver­steckte Bedro­hun­gen von ‚Fein­den des Glau­bens‘ oder ‚Häre­ti­kern‘ dar­stell­ten, um Ängste zu schü­ren und Macht zu sichern. Oft wur­den diese Erzäh­lun­gen von der Kir­che oder den Herr­schen­den genutzt, um die Bevöl­ke­rung zu kon­trol­lie­ren, indem sie bestimmte Grup­pen, wie Juden:Jüdinnen oder ‚Hexen‘ (Frauen), als Sün­den­bö­cke für Unheil oder Unglück dar­stell­ten und so die bestehende gesell­schaft­li­che Ord­nung und Herr­schaft recht­fer­tig­ten.

Vor einer Kulisse eines mittelalterlichen Dorfes versammeln sich mehrere Personen in historischen Gewändern um einen steinernen Brunnen, in dessen Tiefen eine einzelne Hand nach unten greift.

Die Brun­nen­ver­gif­tung ist eine mit­tel­al­ter­li­che Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung, die ins­be­son­dere wäh­rend der Pest­epi­de­mien des 14. Jahr­hun­derts auf­kam. Es wurde fälsch­li­cher­weise behaup­tet, Juden:Jüdinnen hät­ten Brun­nen ver­gif­tet, um die christ­li­che Bevöl­ke­rung zu töten oder zu schwä­chen. Diese Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung führte zu Ver­fol­gun­gen jüdi­scher Gemein­den in wei­ten Tei­len Euro­pas und diente als angeb­li­che Erklä­rung für die rasche Aus­brei­tung der Pest, indem sie Juden:Jüdinnen als Sün­den­bö­cke für das unbe­greif­li­che Mas­sen­ster­ben ver­ant­wort­lich machte. Als Folge ereig­ne­ten sich an vie­len Orten Pogrome, denen Juden:Jüdinnen zum Opfer fie­len.

Tem­pel­rit­ter­or­den
Drei Tempelritter in weißen Umhängen mit prominentenroten Kreuzen, Kettenhemden, Schildern und rechteckige Helme mit Sehschlitzen.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen rund um den Tem­pel­rit­ter­or­den ent­stan­den nach des­sen Auf­lö­sung im Jahr 1312 unter Papst Cle­mens V. und dem fran­zö­si­schen König Phil­ipp IV. Diese Erzäh­lun­gen behaup­ten, dass die Temp­ler nach ihrer offi­zi­el­len Zer­schla­gung im Gehei­men wei­ter­exis­tie­ren und an einem glo­ba­len Macht­stre­ben arbei­ten wür­den. Der Mythos um den Orden wurde über die Jahr­hun­derte hin­weg von Schau­er­ge­schich­ten und Spe­ku­la­tio­nen befeu­ert, ins­be­son­dere durch Berichte über geheime Rituale und immense Reich­tü­mer. Er ist bis heute Bestand­teil zahl­rei­cher Werke der Lite­ra­tur und Pop­kul­tur, wie Dan Browns Roman „Sakri­leg“ und des­sen fil­mi­scher Adap­tio­nen.

1500
Hexen­ver­fol­gung
Eine Frau mit langen Haaren rennt vor einer Menschenmeute mit Fackeln davon.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen rund um die Hexen­ver­fol­gung ent­stan­den vor allem zwi­schen dem 15. und 18. Jahr­hun­dert in Europa und Nord­ame­rika. In der Frü­hen Neu­zeit – einer Zeit gro­ßer gesell­schaft­li­cher Umbrü­che – wurde behaup­tet, dass soge­nannte Hexen, ins­be­son­dere Frauen, mit dem Teu­fel im Bunde stün­den und magi­sche Kräfte nut­zen wür­den, um der Gesell­schaft zu scha­den. Diese Über­zeu­gun­gen führ­ten zu mas­sen­haf­ter Ver­fol­gung, Fol­ter und Hin­rich­tung von tau­sen­den Men­schen, die unter dem Ver­dacht der Hexe­rei stan­den. Die Hexen­ver­fol­gun­gen waren Aus­druck sozia­ler Ängste, Unru­hen und reli­giö­ser Span­nun­gen, die durch Miso­gy­nie und eine rigide Vor­stel­lung von sozia­ler Ord­nung wei­ter befeu­ert wur­den.

Frei­mau­rer
Ein Buch mit dem Symbol der Freimauer, einem Winkelmaßes und Zirkels.

Die Frei­mau­rer sind eine tra­di­ti­ons­rei­che, welt­um­span­nende Bru­der­schaft, die im spä­ten 16. und frü­hen 17. Jahr­hun­dert in Europa ent­stand. Sie sind bekannt für ihre cha­rak­te­ris­ti­schen Rituale, Sym­bole und eine Beto­nung von huma­nis­ti­schen Wer­ten der Auf­klä­rung, per­sön­li­chem Wachs­tum und brü­der­li­cher Ver­bun­den­heit. Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen stel­len die Frei­mau­rer oft als geheime Gesell­schaft dar, die angeb­lich poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Macht aus­übt, was durch ihren ver­schlos­se­nen Cha­rak­ter und die Nut­zung von Sym­bo­len begüns­tigt wurde, obwohl es keine fun­dier­ten Beweise für sol­che Machen­schaf­ten gibt. Rechts­extreme Grup­pen wie der anti­se­mi­ti­sche Ger­ma­nen­or­den stell­ten die Frei­mau­re­rei fälsch­li­cher­weise als eine jüdisch gesteu­erte Orga­ni­sa­tion dar, wodurch diese Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung eine anti­se­mi­ti­sche Grund­lage erhielt.

1700
Illu­mi­na­ten
Zentrale Pyramide mit einem Auge über einem großstädtischen Panorama.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen über die Illu­mi­na­ten bezie­hen sich auf den his­to­ri­schen Illu­mi­na­ten­or­den, der im Jahr 1776 in Ingol­stadt von Adam Weis­haupt gegrün­det wurde. Der welt­li­che Orden setzte sich für die Auf­klä­rung und gegen reli­giö­sen und mon­ar­chi­schen Ein­fluss ein, wurde jedoch bereits 1785 von den baye­ri­schen Behör­den ver­bo­ten. In Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen und ihrer pop­kul­tu­rel­len Auf­be­rei­tung wer­den die Illu­mi­na­ten oft als geheime, all­mäch­tige Gruppe dar­ge­stellt, die angeb­lich im Ver­bor­ge­nen welt­po­li­ti­sche Ereig­nisse kon­trol­liert, obwohl es keine Beweise für eine der­ar­tige Exis­tenz oder Ein­fluss­nahme gibt. Anfang des 20. Jahr­hun­derts wurde diese Erzäh­lung anti­se­mi­tisch auf­ge­la­den, als die ‚Pro­to­kolle der Wei­sen von Zion‘ mit dem Illu­mi­na­ten­or­den in Ver­bin­dung gebracht wur­den, wodurch die Behaup­tung auf­kam, ‚die Juden‘ hät­ten sich heim­lich in die­sen Orden ein­ge­schleust.

Zeit­li­che Ein­ord­nung

Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­tion von 1789 war ein epo­cha­les Ereig­nis, das die poli­ti­schen und sozia­len Struk­tu­ren Frank­reichs und in der Folge ganz Euro­pas grund­le­gend ver­än­derte. Im spä­ten 18. Jahr­hun­dert befand sich Europa, ins­be­son­dere Frank­reich, in einer Zeit tief­grei­fen­der sozia­ler und poli­ti­scher Ungleich­heit. Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung lebte in Armut, vor allem Bauern:Bäuerinnen und städ­ti­sche Arbeiter:innen, wäh­rend Adel und Kle­rus große Pri­vi­le­gien genos­sen und die Macht kaum teil­ten. Der Glaube an die Kir­che prägte das Welt­bild vie­ler Men­schen stark und legi­ti­mierte oft die bestehende Ord­nung. Gleich­zei­tig herrsch­ten abso­lu­tis­ti­sche Mon­ar­chen, deren Herr­schafts­ge­walt kaum hin­ter­fragt wurde. Diese unge­rechte Ver­tei­lung sowie die Ein­schrän­kung poli­ti­scher Teil­habe führ­ten zu wach­sen­dem Unmut und Miss­trauen, der spä­ter in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion einen Aus­druck fand. In einem sol­chen Umfeld konn­ten Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen leicht auf frucht­ba­ren Boden fal­len, da die Men­schen nach Erklä­run­gen für ihre schwie­rige Lage such­ten.

Hoh­lerde-Theo­rie
Darstellung einer Hohlerde, die im Inneren eine Landschaft mit Himmel, Bergen, Bäumen und kleinen Gebäuden verbirgt.

Die Hoh­lerde-Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung basiert auf der Vor­stel­lung, dass die Erde im Inne­ren hohl sei und sich dort mög­li­cher­weise unbe­kannte Zivi­li­sa­tio­nen oder Wel­ten befin­den wür­den. Diese Idee wurde im 17., 18. und 19. Jahr­hun­dert immer popu­lä­rer als ver­schie­dene Autoren, dar­un­ter John Cle­ves Sym­mes Jr., diese Theo­rie pro­pa­gier­ten und behaup­te­ten, es gäbe an den Polen der Erde Ein­gänge zu die­ser unter­ir­di­schen Welt. Trotz wis­sen­schaft­li­cher Wider­le­gun­gen hat die Idee in ver­schie­de­nen For­men immer wie­der Anhän­ger gefun­den und inspi­riert bis heute Lite­ra­tur und popu­läre Mythen.

1800
Fla­che Erde
Darstellung der Erde als Scheibe durch eine schwebende Insel mit einer schroffen Unterseite und eine Stadt die New York symbolisiert auf der Oberseite.

Bis zur Antike glaub­ten einige Zivi­li­sa­tio­nen die Erde sei flach. Diese Vor­stel­lung wurde jedoch in wei­ten Tei­len der Welt mit den Erkennt­nis­sen der anti­ken grie­chi­schen Wis­sen­schaft wider­legt. Im 19. Jahr­hun­dert erweckte Samuel Row­bo­t­ham die Idee wie­der zum Leben, als er mit sei­ner ‚Zete­ti­schen Astro­no­mie‘ argu­men­tierte, dass die Erde flach sei, was eine kleine Bewe­gung von Anhänger:innen in Eng­land und den USA anregte. In online com­mu­ni­ties und sozia­len Medien erlebte die Fla­che-Erde-Theo­rie seit den 2000er Jah­ren eine wei­tere Welle der Popu­la­ri­tät.

Impf­be­zo­gene Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen
Eine transparente große Spritze mit Flüssigkeit.

Im 19. Jahr­hun­dert wur­den medi­zi­ni­sche Imp­fun­gen ent­wi­ckelt, die es seit­dem ermög­lich­ten, die Bevöl­ke­run­gen vor pan­de­mi­schen Infek­ti­ons­krank­hei­ten zu schüt­zen. 1874 führe Otto v. Bis­marck nach einer vor­aus­ge­gan­ge­nen Epi­de­mie die Impf­pflicht gegen Pocken ein. Zum Ende des 19., Beginn des 20. Jahr­hun­derts kamen aller­dings auch viele eso­te­ri­sche Bewe­gun­gen auf, deren Vertreter:innen in den gerade erst ent­deck­ten Imp­fun­gen eine Gefahr sahen und diese ablehn­ten. Die wis­sen­schaft­lich fun­dierte Medi­zin wurde als ‚Schul­me­di­zin‘ dif­fa­miert, die viel­fach als ‚jüdisch unter­wan­dert‘ dar­ge­stellt wurde. Damit sei die bös­ar­tige Absicht ver­bun­den, das deut­sche Volk in einem gehei­men Plan durch mas­sen­weise (absicht­lich töd­li­che) Imp­fun­gen ver­nich­ten zu wol­len. Inso­fern ist eine vor­der­grün­dig neu­trale ‚Impf­skep­sis‘ schon seit den Ursprungs­zei­ten medi­zi­ni­scher Imp­fun­gen expli­zit durch das Nar­ra­tiv der jüdi­schen Welt­ver­schwö­rung geprägt.

Die Pro­to­kolle der Wei­sen von Zion
Ein geöffnetes Buch mit dem Wort "Zion" auf der linken und viel Text auf der rechten Seite.

Die ‚Pro­to­kolle der Wei­sen von Zion‘ sind eine anti­se­mi­ti­sche Text­samm­lung, die Ende des 19. Jahr­hun­derts in Russ­land ent­stand und fälsch­li­cher­weise behaup­tet, es exis­tiere ein jüdi­scher Plan zur Erlan­gung der Welt­herr­schaft. Diese Schrif­ten, die als Mit­schrif­ten eines gehei­men Tref­fens ver­meint­li­cher jüdi­scher Füh­rer prä­sen­tiert wer­den, ent­pupp­ten sich als Fäl­schung, basie­rend auf frü­he­ren poli­tisch moti­vier­ten Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen. Trotz ihrer wider­leg­ten Authen­ti­zi­tät wur­den die Pro­to­kolle – unter ande­rem durch Henry Ford oder die Natio­nal­so­zia­lis­ten – welt­weit ver­brei­tet und instru­men­ta­li­siert, um anti­se­mi­ti­sche Vor­ur­teile zu schü­ren und poli­ti­sche Agen­den zu för­dern.

1900
Zeit­li­che Ein­ord­nung

Der Erste Welt­krieg (1914–1918) war ein tief­grei­fen­der glo­ba­ler Kon­flikt, der die poli­ti­schen und sozia­len Struk­tu­ren Euro­pas und der Welt nach­hal­tig erschüt­terte. Im Ers­ten Welt­krieg kämpf­ten auf der einen Seite die Mit­tel­mächte, vor allem Deutsch­land, Öster­reich-Ungarn und das Osma­ni­sche Reich, gegen die Entente-Mächte, dar­un­ter Frank­reich, Groß­bri­tan­nien, Russ­land und spä­ter auch die USA. Ins­ge­samt star­ben etwa 17 Mil­lio­nen Men­schen durch Kampf, Hun­ger und Krank­hei­ten. Der Krieg wurde aus­ge­löst durch kom­plexe Bünd­nis­ver­pflich­tun­gen, Natio­na­lis­mus, Impe­ria­lis­mus sowie das Atten­tat auf den öster­rei­chisch-unga­ri­schen Thron­fol­ger Franz Fer­di­nand im Jahr 1914. In der Zeit vor dem Krieg leb­ten viele Men­schen in stark hier­ar­chi­schen Gesell­schaf­ten, geprägt von Mon­ar­chien, Mili­tär­bünd­nis­sen und einem star­ken Natio­na­lis­mus. Der Glaube an Fort­schritt, Wis­sen­schaft und tech­ni­sche Errun­gen­schaf­ten stand neben tra­di­tio­nel­len reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen, wäh­rend die poli­ti­sche Macht oft von auto­ri­tä­ren Herr­schern, Adel und Aris­to­kra­ten aus­ge­übt wurde. Soziale Ungleich­hei­ten, wirt­schaft­li­che Span­nun­gen und impe­ria­lis­ti­sche Riva­li­tä­ten führ­ten zu wach­sen­dem Unmut und tru­gen zur Ent­fes­se­lung des Krie­ges bei. In die­ser Zeit wur­den viele Erzäh­lun­gen ver­brei­tet, die ver­such­ten, den Krieg als das Ergeb­nis gehei­mer Abspra­chen oder fins­te­rer Pläne von inter­na­tio­na­len Eli­ten dar­zu­stel­len.

Ein Soldat des ersten Weltkriegs mit einer Schatten-Silhouette, die einen langen Dolch in der Hand hält.

Die Dolch­stoß­le­gende ist eine Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung, die nach dem Ers­ten Welt­krieg in Deutsch­land popu­lär wurde. Sie behaup­tet, dass die deut­sche Armee auf dem Schlacht­feld unbe­siegt geblie­ben wäre. Ihre Nie­der­lage sei statt­des­sen durch Ver­rat von innen, ins­be­son­dere durch Zivilist:innen, Kommunist:innen/Sozialist:innen/Sozialdemokrat:innen, und Juden:Jüdinnen ver­ur­sacht wor­den, die die Hei­mat­front „von hin­ten erdolcht" hät­ten. Diese Erzäh­lung wurde von Mili­tärs und natio­na­lis­ti­schen Krei­sen genutzt, um die Ver­ant­wor­tung für die Nie­der­lage im Krieg von den mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Füh­rungs­eli­ten abzu­len­ken und diese statt­des­sen auf ver­meint­lich ‚undeut­sche‘ Ele­mente der Gesell­schaft zu schie­ben, und trug erheb­lich zur poli­ti­schen Insta­bi­li­tät der Wei­ma­rer Repu­blik bei.

Red Scare/Rote Gefahr
Eine Person vor einer große Gruppe von Menschen, als dunkle Silhouetten dargestellt, die rötliche Fahnen hochhalten.

Der Begriff ‚Red Scare‘ bezieht sich auf zwei Peri­oden eines inten­si­ven Anti­kom­mu­nis­mus in den USA: Zunächst unmit­tel­bar nach der Rus­si­schen Revo­lu­tion 1917 und spä­ter wäh­rend des Kal­ten Krie­ges, ins­be­son­dere in den 1940er und 1950er Jah­ren. In die­sen Zei­ten ver­stärkte sich die Angst vor kom­mu­nis­ti­scher Infil­tra­tion, was sich vor allem in der Ver­fol­gung ver­meint­li­cher Kommunist:innen und ihrer Sympathisant:innen äußerte. Die bekann­teste Phase der Red Scare ereig­nete sich wäh­rend der soge­nann­ten McCar­thy-Ära Anfang der 1950er Jahre, als der US-Sena­tor Joseph McCar­thy mit weit­rei­chen­den Vor­wür­fen und öffent­li­chen Anhö­run­gen eine anti­kom­mu­nis­ti­sche Hetz­jagd initi­ierte. Diese Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen stell­ten den Kom­mu­nis­mus als exis­ten­zi­elle Bedro­hung für die ame­ri­ka­ni­sche Gesell­schaft dar und führ­ten zu umfas­sen­den sozia­len und poli­ti­schen Repres­sio­nen.

Anti­se­mi­ti­sche Pro­pa­ganda gegen Imp­fun­gen
Hinter einer Person in einem langen Mantel, steht seine riesen Silhouette die ein große Spritze in der Hand hält.

Eine bekannte Kari­ka­tur in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da­schrift „Der Stür­mer“ von 1932 zeigt eine Mut­ter, die ein Klein­kind auf dem Arm trägt, das von einem als jüdisch mar­kier­ten Arzt geimpft wird. Die Bild­un­ter­schrift lau­tete: „Es ist mir son­der­bar zu Mut, denn Gift und Jud tun sel­ten gut.“ Die Ein­füh­rung der Pocken-Impf­pflicht im Kai­ser­reich wurde einer ‚jüdi­schen Ver­schwö­rung‘ zuge­schrie­ben und ent­spre­chend dif­fa­miert.

Zeit­li­che Ein­ord­nung

Der Zweite Welt­krieg (1939–1945) war ein glo­ba­ler Kon­flikt von enor­mem Aus­maß, der Euro­pas poli­ti­sche Land­schaft und die inter­na­tio­nale Ord­nung nach­hal­tig ver­än­derte. In der Zeit vor dem Krieg leb­ten viele Men­schen in wirt­schaft­li­cher Unsi­cher­heit, poli­ti­scher Insta­bi­li­tät und wur­den von auf­kom­men­dem Natio­na­lis­mus und tota­li­tä­ren Regi­men geprägt, ins­be­son­dere dem Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land. Die­ser ver­brei­tete sys­te­ma­tisch Juden­hass und Anti­se­mi­tis­mus, der nicht nur tief in der Gesell­schaft ver­wur­zelt war, son­dern staat­lich geför­dert und zur Ver­fol­gung und Ermor­dung von Mil­lio­nen Juden:Jüdinnen führte. Die Macht wurde auto­ri­tär aus­ge­übt, poli­ti­sche Geg­ner wur­den mit Pro­pa­ganda, Gewalt und Repres­sio­nen unter­drückt. Diese unter­drü­cke­ri­schen und het­ze­ri­schen Struk­tu­ren tru­gen maß­geb­lich zur Ent­fes­se­lung des Krie­ges bei, der durch den deut­schen Über­fall auf Polen aus­ge­löst wurde. In die­sem von Angst und Feind­bil­dern gepräg­ten Umfeld fan­den auch zahl­rei­che Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen Ver­brei­tung, die zur wei­te­ren Pola­ri­sie­rung und Gewalt bei­tru­gen.

Holo­caust-Leug­nung
Eine Masse von großen Betonquadern mit vielen Kerzen darauf verteilt.

Holo­caust-Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen behaup­ten fälsch­li­cher­weise, dass der Holocaust—die sys­te­ma­ti­sche Ermor­dung von sechs Mil­lio­nen Juden:Jüdinnen durch das NS-Regime wäh­rend des Zwei­ten Weltkriegs—entweder stark über­trie­ben oder voll­stän­dig erfun­den sei. Verschwörungsanhänger:innen zufolge soll der Holo­caust von jüdi­schen Orga­ni­sa­tio­nen und Pro­pa­gan­dis­ten der Alli­ier­ten erfun­den oder auf­ge­bauscht wor­den sein, um poli­ti­sche und finan­zi­elle Vor­teile zu erlan­gen. Diese Erzäh­lun­gen, bekannt als Holo­caust­leug­nung, igno­rie­ren und ver­fäl­schen über­wäl­ti­gende his­to­ri­sche Beweise, Augen­zeu­gen­be­richte, Doku­mente und Geständ­nisse von Nazi-Täter:innen. Holo­caust­leug­nung ist eine Form des Anti­se­mi­tis­mus, die dar­auf abzielt, das Lei­den der Opfer zu negie­ren, die Ver­ant­wor­tung der Täter zu min­dern und anti­se­mi­ti­sche Vor­ur­teile zu för­dern. In vie­len Län­dern ist die Leug­nung des Holo­causts straf­recht­lich ver­bo­ten, da sie ein Angriff auf die his­to­ri­sche Wahr­heit und das Andenken an die Opfer dar­stellt.

New World Order/ Neue Welt­ord­nung
Eine Person steht auf einem Weg, der auf drei übergroße, blockartige Strukturen zuläuft über welchen eine Ansammlung von zahlreichen Zahnrädern und mechanischen Elementen zu sehen ist.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung der ‚New World Order‘ (NWO) behaup­tet, dass eine geheime, eli­täre Gruppe danach strebe, eine auto­ri­täre Welt­re­gie­rung zu errich­ten, die die natio­nale Sou­ve­rä­ni­tät besei­tige und die Mensch­heit kon­trol­lie­ren würde. Diese Idee gewann im 20. Jahr­hun­dert an Bedeu­tung, ins­be­son­dere nach den bei­den Welt­krie­gen und mit der Grün­dung inter­na­tio­na­ler Insti­tu­tio­nen wie der Ver­ein­ten Natio­nen. In den 1990er Jah­ren erlebte die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung einen Auf­schwung, befeu­ert durch geo­po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen nach dem Kal­ten Krieg und der ver­stärk­ten Glo­ba­li­sie­rung. Die NWO-Erzäh­lung basiert auf der anti­se­mi­ti­schen Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung über eine jüdi­sche Welt­herr­schaft.

‚Femi­nis­ti­sche‘ Ver­schwö­run­gen gegen den Mann
Eine Frau steht auf den Schultern eines Mannes, der von ihr mit Fäden kontrolliert wird.

Die Idee einer ‚Ver­schwö­rung der Frauen gegen Män­ner‘ ist eine Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung, die davon aus­geht, dass Frauen sys­te­ma­tisch und kol­lek­tiv han­deln, um Män­ner zu unter­drü­cken und aus gesell­schaft­li­chen Macht­po­si­tio­nen zu ver­drän­gen. Sie wurde vor allem als Reak­tion auf die Fort­schritte der Frau­en­rechts­be­we­gung im 20. und 21. Jahr­hun­dert ver­brei­tet. Mit der Dis­kus­sion über Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit, durch gesetz­li­che Ver­än­de­run­gen und femi­nis­ti­sche Bewe­gun­gen ab den 1960er Jah­ren, gab es immer wie­der Behaup­tun­gen, Frauen arbei­te­ten ins­ge­heim daran, Män­ner zu schwä­chen und ihnen Rechte und Pri­vi­le­gien abzu­neh­men. Diese Erzäh­lun­gen nut­zen Ängste vor sozia­lem Wan­del und ver­su­chen, die Gleich­stel­lung zu unter­gra­ben. Eine beson­ders mar­kante Aus­prä­gung ist die soge­nannte ‚Incel‘-Bewe­gung.

Sata­nic-Panic
Ein Mann steht mit einem kleinen Mädchen vor einer offenen Tür, in der die Silhouette Satans steht.

In den 1980er Jah­ren publi­zier­ten Michelle Smith und Law­rence Paz­der den Roman „Michelle Remem­bers“, der von ritu­el­len Gewalt­ta­ten in sata­nis­ti­schen Sek­ten und Psy­cho­grup­pen han­delt. Dar­auf­hin brei­tete sich ins­be­son­dere in den USA, aber auch in Deutsch­land eine Art kol­lek­ti­ver Panik vor der Über­macht sol­cher Grup­pen aus, die in der Folge ‚Sata­nic Panic‘ genannt wurde. Dass es sich bei den im Roman beschrie­be­nen Prak­ti­ken um ein ver­brei­te­tes Phä­no­men han­delte, konnte nie bestä­tigt wer­den. Trotz­dem brei­te­ten sich Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen aus, die viele tau­sende unbe­stä­tigte Fälle sahen. Ins­be­son­dere kon­ser­va­tive und christ­lich fun­da­men­ta­lis­ti­sche Akteure rich­te­ten die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung schließ­lich gegen neue Jugend­kul­tu­ren wie Heavy Metal, Dun­ge­ons and Dra­gons, Hip­pies oder das Fern­se­hen. In der Sata­nic Panic fin­den sich Ele­mente der Ritu­al­mord­le­gende wie­der. Sie kann als ein Vor­läu­fer zu Pizza Gate betrach­tet wer­den.

Unab­hän­gig von Phä­no­me­nen wie der Sata­nic Panic ist es wich­tig, dass tat­säch­li­chen Fäl­len von (ritu­el­ler) sexua­li­sier­ter Gewalt kon­se­quent Auf­merk­sam­keit geschenkt und mit größ­ter Sorg­falt nach­ge­gan­gen wird.

Deutsch­land GmbH
Ein mehrstöckiges Gebäude mit einer modernen Glasfassade in dem viele Menschen arbeiten, mit der Aufschrift DE GmbH, umgeben von Geldstapeln mit Dollarzeichen.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung über die ‚Deutsch­land GmbH‘ ist ins­be­son­dere in rechts­ideo­lo­gi­schen, extrem rech­ten und Reichs­bür­ger-Krei­sen popu­lär. Sie behaup­tet, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land kein sou­ve­rä­ner Staat, son­dern ein noch immer von den Alli­ier­ten bzw. den USA gelenk­tes Unter­neh­men sei. Diese Erzäh­lung ent­stand und ver­brei­tete sich vor allem ab den 1980er und 1990er Jah­ren, ver­stärkt im Zusam­men­hang mit der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung 1990 und den damit ver­bun­de­nen Unsi­cher­hei­ten zur Sou­ve­rä­ni­tät. Anhänger:innen füh­ren oft ver­meint­li­che Rechts­an­oma­lien und Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen von his­to­ri­schen Doku­men­ten an, ins­be­son­dere in Bezug auf den Zwei-plus-Vier-Ver­trag und das Grund­ge­setz, um ihre Behaup­tun­gen zu unter­mau­ern. Obwohl diese Erzäh­lung in rechts­ge­rich­te­ten, extrem rech­ten und ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Krei­sen weit ver­brei­tet ist, ent­behrt sie jeg­li­cher recht­li­cher und his­to­ri­scher Grund­lage.

Ein zerrissener deutscher Reisepass.

Die Reichsbürger:innenszene besteht aus vie­len klei­nen Split­ter­grup­pen und lehnt die Legi­ti­mi­tät der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als Staat ab. Große Teile der Reichs­bür­ger- und Selbst­ver­wal­ter­szene behaup­ten statt­des­sen, das Deut­sche Reich bestehe wei­ter­hin fort. Reichsbürger:innen ver­su­chen folg­lich eigene pro­to­staat­li­che Ver­wal­tungs­struk­tu­ren auf­zu­bauen. Die Bewe­gung ent­stand in den 1980er Jah­ren und gewann ins­be­son­dere seit den 2000er Jah­ren an Sicht­bar­keit. Behör­den stu­fen die Reichsbürger:innen als Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit ein, da sie durch ihre Ideo­lo­gien zur Gewalt­be­reit­schaft nei­gen und Gesetze sowie staat­li­che Insti­tu­tio­nen nicht aner­ken­nen.

Drei Flugzeugen, die weiße Kondensstreifen hinterlassen.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung der ‚Chem­trails‘ ent­stand Ende der 1990er Jahre und behaup­tet, dass die Kon­dens­strei­fen, die von Flug­zeu­gen am Him­mel hin­ter­las­sen wer­den, in Wirk­lich­keit che­mi­sche Sub­stan­zen ent­hal­ten, die absicht­lich ver­sprüht wer­den, um die Bevöl­ke­rung zu mani­pu­lie­ren oder zu schä­di­gen. Anhänger:innen die­ser Erzäh­lung neh­men oft an, dass Regie­run­gen oder geheime ‚Eli­ten‘ hin­ter die­sen angeb­li­chen Sprüh­ak­tio­nen ste­hen, um das Wet­ter zu kon­trol­lie­ren oder gesund­heits­schä­di­gende Effekte bzw. Gedan­ken­kon­trolle zu ver­ur­sa­chen. Die Kon­dens­strei­fen bestehen jedoch tat­säch­lich nur aus harm­lo­sen Eis­kris­tal­len, die sich unter bestimm­ten atmo­sphä­ri­schen Bedin­gun­gen bil­den.

Ein weites, grünes Feld mit vielen Strommasten ähnlichen Stangen, die miteinander verbunden sind.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung rund um HAARP (High-Fre­quency Active Auroral Rese­arch Pro­gram) ent­stand in den spä­ten 1990er und frü­hen 2000er Jah­ren und behaup­tet, dass die For­schungs­ein­rich­tung, die ursprüng­lich vom US-Mili­tär betrie­ben wurde, in der Lage sei, das Wet­ter zu mani­pu­lie­ren oder sogar Gedan­ken­kon­trolle aus­zu­üben. Anhänger:innen die­ser Erzäh­lung glau­ben, dass HAARP gezielte Natur­ka­ta­stro­phen ver­ur­sa­chen oder das Klima beein­flus­sen kann, obwohl die wis­sen­schaft­li­che Gemein­schaft sol­che Behaup­tun­gen ent­schie­den zurück­weist. Tat­säch­lich war das Pri­mär­ziel von HAARP die Unter­su­chung der Iono­sphäre.

Eine Karte von Europa im Hintergrund, über der eine Reihe von schematisch dargestellten Personen laufen.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung des ‚Gro­ßen Aus­tauschs‘ behaup­tet, es gebe einen geziel­ten Plan, die ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­run­gen west­li­cher Natio­nal­staa­ten, ins­be­son­dere in Europa, durch Migrant:innen zu erset­zen. Den Begriff ‚Gro­ßer Aus­tausch‘ prägte der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler und Intel­lek­tu­elle Renaud Camus Anfang der 2010er Jahre, um seine Vor­stel­lung zu beschrei­ben, dass die ein­hei­mi­sche euro­päi­sche Bevöl­ke­rung durch Zuwan­de­rung aus nicht-euro­päi­schen Län­dern sys­te­ma­tisch ersetzt werde. Anhänger:innen die­ser Erzäh­lung behaup­ten, dass Regie­run­gen, inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tio­nen oder soge­nannte ‚Eli­ten‘ diese demo­gra­fi­schen Ver­än­de­run­gen bewusst för­dern, um die natio­nale Iden­ti­tät zu schwä­chen. Diese Erzäh­lung dient oft als Recht­fer­ti­gung für migra­ti­ons­feind­li­che und ras­sis­ti­sche Ein­stel­lun­gen und wird von extrem rech­ten Grup­pie­run­gen instru­men­ta­li­siert.

Kli­ma­wan­del
Eine Seite des Bildes zeigt einen gesunden Wald mit Bäumen, die andere Seite zeigt denselben Wald, aber mit brennenden Bäumen.

Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen rund um den Kli­ma­wan­del ent­stan­den und ver­brei­te­ten sich beson­ders ab den 1990er Jah­ren, nach­dem der men­schen­ge­machte Kli­ma­wan­del als wis­sen­schaft­li­cher Kon­sens zuneh­mend aner­kannt wurde. Mit dem wach­sen­den öffent­li­chen Bewusst­sein für die glo­bale Erwär­mung und den inter­na­tio­na­len Kli­ma­schutz­be­mü­hun­gen wie dem Kyoto-Pro­to­koll (1997) began­nen einige Kritiker:innen, die Exis­tenz oder Ursa­chen des Kli­ma­wan­dels in Frage zu stel­len. Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen behaup­ten häu­fig, dass die Exis­tenz oder die Ursa­chen der glo­ba­len Erwär­mung von Regie­run­gen oder ‚Eli­ten‘ über­trie­ben oder gar erfun­den wer­den, um poli­ti­sche Kon­trolle zu erlan­gen oder wirt­schaft­li­che Vor­teile zu erzie­len. Einige Erzäh­lun­gen unter­stel­len, dass wis­sen­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen und For­schungs­grup­pen ent­lang einer gehei­men glo­ba­len Agenda arbei­ten, um die unge­fähr­li­che Wahr­heit über das Klima zu mani­pu­lie­ren oder zu ver­ber­gen.

2000
9/11
Die brennenden Twin Towers in New York.

Die Anschläge auf das World-Trade-Cen­ter und das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium (Pen­ta­gon) der USA vom 11. Sep­tem­ber 2001 wer­den auf viel­fäl­tige Weise ver­schwö­rungs­ideo­lo­gisch gerahmt. Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen behaup­ten bei­spiels­weise, dass die Anschläge von der Neuen Welt­ord­nung in Auf­trag gege­ben wor­den seien, um Kriege und glo­bale Expan­sion zu recht­fer­ti­gen. Eine wei­tere anti­se­mi­ti­sche Behaup­tung, die eine Ver­schwö­rung ver­meint­lich zu unter­mau­ern scheint ist, dass es keine jüdi­schen Opfer gege­ben habe, da diese angeb­lich im Vor­feld gewarnt wur­den und sich in Sicher­heit brin­gen konn­ten.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung über einen Deep State behaup­tet, dass es eine geheime Gruppe von ‚Eli­ten‘ gebe, zu der wahl­weise Geheimdienstler:innen, Mili­tärs, Politiker:innen, Pro­mi­nente, Mil­li­ar­däre, NGOs und Finanz­in­sti­tu­tio­nen sowie Medi­en­häu­ser und Medienvertreter:innen gehö­ren. Diese Grup­pen wer­den ent­we­der ein­zeln oder in vari­ie­ren­den Kon­stel­la­tio­nen beschul­digt, im Hin­ter­grund als Geheim­or­ga­ni­sa­tion das Staats­we­sen zu kon­trol­lie­ren und demo­kra­ti­sche Pro­zesse gezielt zu mani­pu­lie­ren. Diese Erzäh­lun­gen sind struk­tu­rell anti­se­mi­tisch, indem sie Jüdinnen:Juden als Teil der ver­meint­lich mani­pu­la­ti­ven ‚Eli­ten‘ dar­stel­len oder sogar als Draht­zie­her hin­ter die­ser ‚Elite‘.

Incel
Eine Person sitzt vor einem großen Computerbildschirm, auf dem der Oberkörper eines extrem muskulösen Mannes und eine Frau in einem engen Kleid zu sehen ist.

Incels, eine Kurz­form für ‚invol­un­t­ary celi­ba­tes‘ (unfrei­wil­lig sexu­ell ent­halt­same Men­schen), sind Mit­glie­der einer inter­na­tio­na­len (Online-)Subkultur, die aus zumeist jun­gen Män­nern besteht, die glau­ben, auf­grund ihres äuße­ren Erschei­nungs­bilds oder ande­rer gesell­schaft­li­cher Ein­fluss­nahme keine roman­ti­schen oder sexu­el­len Bezie­hun­gen füh­ren zu kön­nen. Sie pfle­gen ein tief miso­gy­nes Frau­en­bild und ver­tre­ten die Auf­fas­sung, dass jedem Mann eine Frau, ins­be­son­dere ihre sexu­elle Ver­füg­bar­keit ‚zustehe‘. Dies führt zu Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, in denen Frauen sich in böser Absicht der Part­ner­schaft mit Män­nern ver­wei­gern und inso­fern ver­ant­wort­lich für ihre man­gelnde Sexua­li­tät sind. Diese führt oft zu einer radi­ka­len und feind­se­li­gen Ein­stel­lung gegen­über Frauen und der Gesell­schaft ins­ge­samt.

Pizza Gate

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung ‚Piz­zagate‘, die den direk­ten Vor­läu­fer zu QAnon bil­det, behaup­tet, dass pro­mi­nente Per­so­nen aus Poli­tik, Medien und Unter­hal­tung, ein­schließ­lich der demo­kra­ti­schen Poli­ti­ke­rin Hil­lary Clin­ton, in sata­ni­sche und pädo­phile Hand­lun­gen ver­wi­ckelt sind. Ins­be­son­dere wurde ver­brei­tet, dass demo­kra­ti­sche Politiker:innen im Kel­ler einer Piz­ze­ria in Washing­ton D.C. Kin­der gefan­gen hiel­ten, um aus ihrem Blut ein angeb­lich lebens­ver­län­gern­des Serum zu gewin­nen. Diese Behaup­tung ist eng ver­bun­den mit anti­se­mi­ti­schen Ritu­al­mord­le­gen­den und wurde spä­ter von QAnon-Anhän­gern als Grund auf­ge­führt, um Donald Trumps poli­ti­sche Mis­sion zu unter­stüt­zen, diese angeb­li­che Ver­schwö­rung auf­zu­de­cken und zu been­den. Eine beschul­digte Piz­ze­ria in Washing­ton, D.C. wurde von einem bewaff­ne­ten Ver­schwö­rungs­an­hän­ger gestürmt.

QAnon
Ein großes, 3D-stylisiertes "Q" auf dessen oberer Kurve eine Person steht, die von einer große menschengruppe gefeiert wird.

Bei „Q“ han­delt es sich um ein Syn­onym einer oder meh­re­rer anony­mer („Anon“) Per­so­nen, unter dem seit 2017 auf dem mes­sage board 4chan ver­meint­lich geheime Infor­ma­tio­nen ver­meint­lich aus ‚dem Inne­ren der Regie­rung‘ ver­brei­tet wur­den. Die extrem rech­ten und anti­se­mi­ti­schen Inhalte wur­den zunächst in der US-ame­ri­ka­ni­schen extre­men Rech­ten und der MAGA-Bewe­gung (‚Make Ame­rica Great Again‘) der Trump-Anhän­ger popu­lär. QAnon pro­pa­giert die Vor­stel­lung eines Deep Sta­tes, sowie die Idee eines Kin­der­händ­ler­rings, der beab­sich­tige soge­nann­tes ‚Adre­no­chrom‘ aus Kin­der­blut, zu gewin­nen, das von ‚Eli­ten‘ zur eige­nen Ver­jün­gung genutzt werde. Im Kon­text der Pro­teste gegen die Coro­na­maß­nah­men und Imp­fun­gen fan­den die unter QAnon ver­brei­te­ten Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen eine glo­bale Anhän­ger­schaft, ins­be­son­dere auch in Deutsch­land.

Zeit­li­che Ein­ord­nung

In den 2010er und 2020er Jah­ren spie­len Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen eine zuneh­mend pro­mi­nente Rolle, ver­stärkt durch den Auf­stieg sozia­ler Medien, die eine schnelle und weite Ver­brei­tung sol­cher Des­in­for­ma­tio­nen ermög­li­chen. Auf die­sen Platt­for­men kann sich Miss­trauen gegen­über redak­tio­nel­len Medien und Insti­tu­tio­nen leicht ent­wi­ckeln, da Algo­rith­men oft Inhalte bevor­zu­gen, die pola­ri­sie­ren und emo­tio­na­li­sie­ren. In einer Zeit glo­ba­ler Unsi­cher­hei­ten, wie Pan­de­mie, wirt­schaft­li­cher Kri­sen und geo­po­li­ti­scher Span­nun­gen, fin­den Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen frucht­ba­ren Boden, indem sie schein­bar ein­fa­che Ant­wor­ten auf kom­plexe Pro­bleme lie­fern und gleich­zei­tig Gemein­schaf­ten schaf­fen, die sich durch ein gemein­sa­mes Gefühl von Miss­trauen und ver­meint­lich gehei­mer Erkennt­nis zusam­men­schlie­ßen.

5G Tech­no­lo­gie
Eine große Mobilfunk-Antennenturm neben einem riesigen Smartphone auf dessen Bildschirm "5G" in leuchtendem Orange angezeigt wird.

Die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen rund um die - Ende der 2010er Jahre auf­kom­mende - 5G-Tech­no­lo­gie gewan­nen beson­ders wäh­rend der COVID-19-Pan­de­mie ab 2020 an Bedeu­tung. Sie behaup­ten, dass diese neue Mobil­funk­tech­no­lo­gie gesund­heits­schäd­lich sei oder sogar gezielt zur Kon­trolle oder Schä­di­gung der Bevöl­ke­rung ein­ge­setzt werde. Einige Erzäh­lun­gen brin­gen 5G mit der Ver­brei­tung von COVID-19 in Ver­bin­dung, indem sie behaup­ten, die Strah­lung schwä­che das Immun­sys­tem oder ver­breite das Virus direkt. Diese Erzäh­lun­gen haben in eini­gen Fäl­len zu Pro­tes­ten und sogar Angrif­fen auf 5G-Infra­struk­tur geführt. Dabei wer­den die Risi­ken der elek­tro­ma­gne­ti­schen Strah­lung oft stark über­trie­ben oder falsch dar­ge­stellt, obwohl zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che Stu­dien keine gesund­heit­li­chen Gefah­ren nach­wei­sen konn­ten. Die Angst vor 5G-Tech­no­lo­gie ist zudem eng mit gene­rel­lem Miss­trauen gegen­über Regie­run­gen, Kon­zer­nen und wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen ver­bun­den, was die Ver­brei­tung sol­cher Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen wei­ter begüns­tigt.

Covid 19 Pan­de­mie
Vier Personen mit Mund-Nasen-Maske gehen in einer Reihe.

Rund um die COVID-19-Pan­de­mie (Ende 2019 bis 2022) gibt es zahl­rei­che Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, die die Her­kunft und Gefähr­lich­keit des Virus betref­fen und bei­spiel­weise behaup­ten, es diene als Vor­wand für glo­bale Kon­troll­maß­nah­men. Einige Erzäh­lun­gen ver­brei­ten die Vor­stel­lung, dass die Pan­de­mie geplant wurde, um wirt­schaft­li­che oder poli­ti­sche Ziele, wie die Schwä­chung demo­kra­ti­scher Frei­heits­rechte errei­chen, oder dass Impf­stoffe Teil eines groß ange­leg­ten Über­wa­chungs- oder Bevöl­ke­rungs­re­duk­ti­ons­pro­gramms seien.

Das his­to­risch schon ange­legte Nar­ra­tiv einer absicht­lich schäd­li­chen Imp­fung in Ver­bin­dung mit der ‚jüdi­schen Welt­ver­schwö­rung‘ führte unter ande­rem bei Pro­test­be­we­gun­gen im Kon­text der Corona-Pan­de­mie zu offen anti­se­mi­ti­schen Aus­brü­chen ver­schie­dens­ter Arten, etwa dem Tra­gen eines ‚Juden­sterns‘ mit der Auf­schrift „unge­impft“, der eine wirre Täter-Opfer Umkehr und Rela­ti­vie­rung der Shoah dar­stellt. Auch wurde der Vor­wurf erho­ben, Bill Gates würde beab­sich­ti­gen, durch die wäh­rend der Imp­fung ins­ge­heim imple­men­tier­ten Mikro­chips die Kon­trolle über die Men­schen zu über­neh­men.

Die in die­sem Zeit­strahl ver­wen­de­ten Bil­der wur­den mit Unter­stüt­zung der KI-Anwen­dung Mid­jour­ney gene­riert